Draußen

Am morgen alle SUMOs checken, dann geht es endlich raus. Wir befüllen an der alten Aurora-Station den Fesselballon. Um die Station wurden SODARs installiert, die mit Hilfe von akkustischen Signalen Turbulenzen der Luft messen. Ständig piept es mit wechselnden Frequenzen. Fühlt sich im total stillen, beinahe windlosen Tal an wie eine sehr einfache Vogelstimmenimitation.

Fram

Gerade als der Ballon fertig zum Aufstieg ist, kommt böiger Wind mit 10m/s auf. Wir müssen den Ballon absteigen lassen und verstauen ihn im Container.

Fram

Währenddessen lief der Copter testweise am Boden stehend mit Temperatur/Luftfeuchte/Druck-Sensorik. In der Windstille wechselte die Temperatur schnell zwischen -13°C und -9°C. Mit dem aufkommenden Wind stieg die Temperatur auf -8°C und blieb relativ konstant. Die kalt von den Hängen herunterwabernde Luft wurde verdrängt von wärmerer Seeluft vom Fjord.

Montag

Wir möchten erstmals nicht nur (den Flächenflieger) SUMO in der Arktis fliegen, sondern auch einen Kopter. Die Hardware zur Anbindung der meteroloischen Sensoren haben wir in den letzten Wochen zusammengebaut, leider fehlt noch etwas Software. So bleibe ich den ganzen Tag im Büro in UNIS und schreibe das zu Ende.

Fram

Die Studentengruppen fahren in Gruppen raus und bauen in verschiedenen Tälern um Longyearbyen Messequipment auf. Ein Raupenfahrzeug muss von einem größeren aus einem kleinen unter Schnee verstecktem Slush-Eis-See gezogen werden.

Ankomst

Der Abflug in Oslo ist etwas holprig. Einchecken per Handy komisch, der Check-In Computer mag den alten Personalausweis nicht und die nette Frau am Schalter rennt auch lieber nochmal damit los. Alles gut, Sitzplatz gibt es am Gate. Während ich durch den Flughafen stapfe, fürchte ich, bis zuletzt am Gate zu hocken und dann nicht mitzukommen, der nächste Flug wäre morgen.

Fram

Aber alles gut. Ich bekomme direkt einen Platz in der 1. Klasse. In Tromsø gibt es die Schengengedenkrunde um den Flieger und dann Svalbard!

Fram

Es ist um 14 Uhr gerade noch hell als ich aus dem Flughafengebäde laufe. Als der Koffer da ist, hätte es fürs Foto nicht mehr gereicht. Es wird aber jeden Tag dramatisch länger hell.

Auf dem Weg

Es geht wieder für Messflüge nach Spitzbergen! Nach dem Start konnte man die Sonne am Horizont auf- und direkt wieder in den Wolken untergehen sehen.

Oslo Fjord

Der Hinweg führt wieder über Oslo, inklusive Übernachtung. Vom Flughafen nicht den vom Ticketverkaufsautomaten aufgedrängten Expresszug in die Innenstadt nehmen, der normale NSB-Zug kostet nur die Hälfte und fährt gerade mal 4 Minuten länger.

Fram

Ein Besuch des Fram-Museums in Oslo stimmt auf die kommende Reise ein. Das Forschungsschiff wurde vor 120 Jahren für die Arktis/Antarktis gebaut und half u.a. bei der Amundsens Reise zum Südpol. Von Innen ist es erstaunlich wenig „technisch“, keine Labortische oder so.

Paparazzi auf kleinen Boards

Durch eine Reduzierung der Softwaregröße kann die Paparazzi UAV Software nun auch auf kleineren, günstig zu bekommenden Quadcopter-Boards wie dem Naze32 laufen. Sobald das Wetter wieder etwas flugfreundlicher ist, werden Anleitung und Beispieldateien nachgeliefert. Es läuft auch auf dem kleinen CJMCU Board. Allerdings muss man dazu den aufgelöteten 64kByte Prozessor (F103C8T6) gegen einen 128kByte Typen (F103CBT6) tauschen.

Starten, Fliegen, Landen

Im Laufe der Woche wurde es immer wärmer, Samstag ist die Luft um 0°C und ungewöhnlicherweise regnet es. Trotz Split aus Streuwagen verwandelen sich alle Straßen und Wege in Eisbahnen. Dazu stürmt es. Die Meteorologen haben das vorausgesagt, wir schlafen aus. Am Wochenende fehlt die fehlende Sonne besonders.

Am Abend beratschlagen wir die Situation. Der Wind ist extrem böig. Das Flugzeug könnte starten und fliegen, die Landung wäre im Lee der Berge aber ein Risiko, besonders für die wichtige 5-Loch Sonde und das Platindraht-Thermometer. Die „normale“ Sensorik Temperatur, Feuchte, Druck und Windbestimmung reichen nicht.

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Der Ballon kann ohnehin nur bei wenig Wind aufsteigen, so packen wir alles zusammen. Die Bleiakkus der Messmasten werden gewechselt. Die dreidimensionale Windgeschwindgkeit wird mit Hilfe fingerförmiger, sich gegenüberstehenden Ultraschallsendern/-empfängern gemessen.

Sonntagmittag treffen wir uns bei UNIS (ein großartiges Gebäude) und packen. Logistik war ein wichtiger Bestandteil der Messkampagne. Viele Menschen, Gerät und Kleidung musste hierher, dann hin und her geschafft werden.

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Alles prima. Der Autopilot hat das Flugzeug die ganze Woche zuverlässig gesteuert und Daten gesammelt, mit denen nun gearbeitet wird. Gestartet und gelandet sind wir wie immer manuell. Das erlaubt ein stufenweises Einschalten/Testen des Autopiloten und eine präzise Landung an der Bodenstation neben der Straße. Im Schnee zählt jeder nicht gelaufene Meter.

Nach einer Übernachtung in Oslo geht morgens über den Wolken der Ostsee die Sonne auf. So hell.

Blackout

Bei der täglichen Nachbesprechung am Morgen wird es plötzlich dunkel im Lehrsaal. Der Strom ist weg. Das passiert nicht häufig, aber hin und wieder. Am Rande von Longyear steht ein Kohlekraftwerk, das alles mit Strom und Fernwärme versorgt. Im Ort verteilt gibt es einige Heizstationen, die zumindest für die Wärme einspringen können. Für den absoluten Notfall existiert ein Evakuierungsplan per Luftbrücke. Wir behelfen uns mit Taschenlampen und Kreide.

Der Rettungshubschrauber macht Übungen mit der Winsch über dem Vorfeld, während wir abends auf die Rückkehr der 7-Uhr Maschine warten.

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Unser Hangar im Flughafen wurde früher von Aeroflot genutzt. Es stehen noch kyrillisch beschriftete Kisten herum. Sehr unangenehm ist ein großer, lauter Kompressor, der ständig zischt und sich alle paar Minuten mit viel Drama einschaltet.

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Es geht an den Strand, um Ovale über dem Fjord und dem Land zu fliegen. Das Flugzeug misst 70% Luftfeuchtigkeit. Das ist in absoluten Mengen nicht viel. Bei Zimmertemperatur in den Gebäuden sind es nur 15%. Man möchte ständig trinken, die Haut ist rauh und spröde. Der Flugzeugwerfer muss aufpassen, dass der Rumpf beim Starten nicht durch die Hände rutscht. Der Flieger fliegt ohne zu murren seine Runden.

Am Strand

Ging es bei der letzten Messkampagne um die meteorologischen Abläufe im Adventalen, so geht es diesmal um die Luft über und das Wasser in den Fjorden. Neben dem Wetterballon und SUMO sind Messmasten an der Küste aufgebaut, einige Studenten fahren mit dem UNIS Forschungsschiff Viking Explorer hinaus und lassen Sensoren ins Wasser hinab.

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Auch ein 2m langer „Glider“, ein ständig auf- und abtauchender autonomer Tauchkörper, ist mit von der Partie. Der zuständige Laptop bimmelt mit einer alarmierenden Schiffsglocke über den Gang, wenn über Iridium-Satelliten neue Daten ankommen.

Wir bauen unsere SUMO-Station am Wasser auf, um möglichst weit über den Fjord fliegen zu können. Die seichte Dünung sorgt für ein eigentümliches Gefühl von Sommerurlaub. Das Fliegen hat Routine, der Flieger leert 4 Akkus in 4 Stunden. Hin und wieder suchen wir die Gegend um uns mit einer hellen Lampe nach Eisbären ab.

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Gegen 21 Uhr wird über Funk nach Freiwilligen gefragt, die mit dem Schlauchboot hinausfahren möchten. Der Glider hat Feuchtigkeit im Inneren detektiert und soll sicherheitshalber eingeholt werden. Etwas später rast das kleine Boot den Fjord hinab an uns vorbei und bringt den Glider sicher zurück. Falscher Alarm.

Der Glider hat keine Schiffschraube, die Vorwärtsbewegung entsteht über seine Stummelflügel und Gewichtsverlagerung während das Ab- und Aufstiegs im Wasser. Das System hat sehr viele Ähnlichkeiten mit autonomen Fliegern. Es hat im Wasser nur mit widrigeren Bedingungen zu kämpfen und die Zeitintervalle sind viel länger – er kann über Monate im Meer navigieren.

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Wenn man sehr, sehr lange belichtet, bekommt man einen Hauch von Nordlichtern, Sterne, den verdeckten Mond und einen SUMO zu sehen.

Dunkel

Wenn man am späten Vormittag im tiefen Dunkelblau sehr lange belichtet, bekommt man sogar etwas Berge aufs Bild. Ansonsten ist es einfach dunkel. In ein paar Tagen gibt es nur noch den Mond. Beim Aufwachen muß man erst schauen, ob es wirklich schon Zeit ist. Komisch, letztlich ist es aber nicht viel anders als ein mitteleuropäischer Arbeitstag im Winter. Im Dunkeln hin, im Dunkeln zurück, nur der erleuchtete Weg zur Kantine fällt weg. Könnte aber gut sein, dass es Langzeiteffekte gibt.

Der Fesselballon steht ein paar hundert Meter von unserer SUMO-Station Richtung Westen an der Küste, er steigt kontinuierlich auf 1000m und wird wieder eingeholt. Die Ballonbodenstation wird jetzt oben im Flughafen aufgebaut. Dorthin ziehen wir uns nach dem ersten SUMO Flug zurück, es muss etwas Software gehackt werden.

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Im Flugzeug sind drei Rechner: Der Autopilot, ein Datenlogger und ein (kommerzieller) Datenwandler für die 5-Loch Sonde (Durchmesser: 3mm). Leider liefert der plötzlich keine Daten mehr, das hatten wir noch nicht. Mit dem Laptop sehen wir, dass keine SD Karte gefunden werden konnte. Ohne Karte geht es zunächst (huh?), dann der gleiche Fehler. Wir bauen ein zusätzliches Statusbit ein, damit können wir eine Fehlfunktion erkennen und ggf. den Wandler vor dem Start nochmal booten.

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Danach klappt alles wie am Schnürchen. SUMO fliegt wieder Profile (Kreise auf verschiedenen Höhen) über Land und Meer, dann Ovale dazwischen. Zuletzt Ovale ausschließlich über dem Meer. Wir gewinnen mehr Vertrauen in die Akkus und kommen auf Flugzeiten von über 45 Minuten. Das schmälert leider die Anzahl-der-Flüge Statistik.

Silberstreif

Der primäre Flieger war gestern im Flug etwas unpräzise, daher gleichen wir tagsüber Drehraten- und Beschleunigungssensoren nochmals ab. Die Akkus waren zu kalt, daher gab es nur kurze (15 Minuten) Flüge. An der Flugzeugspitze laufen vor dem Akku die Druckschläuche in den Rumpf, dort dichten wir mit zusätzlichem Schaumstoff. Der Wärmeschott am Autopiloten wird erneuert. Für die Akkulagerung isolieren wir eine Plastikkiste mit Schaumstoff und legen Wärmepads zwischen die Lithium-Polymer Akkus.

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Gegen sieben geht es raus. Sensoren aufschrauben am Flughafen und runter an den Campingplatz am Fjord. Der Kofferraum eines Bullis ist unsere Basis. Wir testen neue Akkus von HK, die zwar weniger (aber ausreichend) Strom liefern können, dafür bei gleichem Gewicht 50% mehr Kapazität als die bisherigen Favoriten von SLS bereitstellen. Sie bewähren sich auch unter diesen Bedingungen. Wir erreichen Flugzeiten von über 40 Minuten und haben 10% Reserve. Die Flieger funktionieren gut, drehen zuverlässig ihre Runden über Meer und Land.

Ein Fischtrawler fährt vor uns im Fjord hell erleuchtet auf und ab. Über der Wasseroberfläche liegt eine dünne Nebelschicht. Die Lufttemperatur ist -14°C, der Boden -20° und der Fjord -3°C. Das ist nicht unfassbar kalt, aber unangenehm. Besonders dann, wenn man mehr oder weniger regungslos dasteht, in den Himmel schaut und auf dem Boden steht. Richtig fies wird es, wenn Wind aufkommt. Thermoskannen helfen nicht nur etwas warmes, sondern auch etwas nicht-gefrorenes zu trinken.